Der Stachel in der Welt der Gegenstände

Habermas 2007 an der Hochschule für Philosophie in München

Beim Abschluss des 21. Deutschen Kongresses für Philosophie in Essen kritisiert der Philosoph Jürgen Habermas die Konstruktion einer direkten Beziehung von Hirn und Geist.

Erneut hat sich der Philosoph Jürgen Habermas gegen gängige Erklärungsmodelle geistiger Vorgänge allein aus beobachtbaren naturwissenschaftlichen Fakten gewandt.

Zum Abschluss des 21. Deutschen Kongresses für Philosophie rief er im Audimax der Universität Essen dazu auf, an anderen Stellen nach einer Lösung der Naturalismusprobleme zu suchen als an den heute "dogmatisch" vertretenen. Der prominente Vertreter der "Kritischen Theorie" griff das Thema des Kongresses, "Lebenswelt und Wissenschaft" auf und entwickelte sein Konzept von System und Lebenswelt. Dessen Merkmal ist, dass sich das Weltkonzept zunehmend versachlicht.

Lebenswelt, Alltagswelt und objektive Welt driften auseinander. Der 1929 in Düsseldorf geborene Philosoph stellte die "spekulative Frage", ob es gelingen könne, eine Theorie zu entwickeln, welche die naturgeschichtliche Genese des Geistes so erklären könne, dass dieser sich in der Theorie wiedererkenne.

Hintergrund dieser Fragestellung ist Habermas' Ansatz, dass in allen menschlichen Handlungen ein Bewusstsein der Freiheit mitläuft. Die naturwissenschaftliche Versachlichung, so Habermas, komme an praktische Grenzen im Bewusstsein einer Person. Es gebe eine Dissonanz zwischen naturalistischer Selbstbeschreibung und dem "Raum der Gründe", mit Ja oder Nein zu etwas Stellung zu nehmen. "Hinter dem tendenziellen Begriff des Mentalen versteckt sich die Lebenswelt", sagte der Philosoph. Ein Durchgriff auf die direkte Beziehung zwischen Hirn und Geist laufe zu kurz: "Wir suchen da an der falschen Stelle."

Habermas stellte seinen erkenntnistheoretischen Ansatz heraus: Den Zusammenhang zwischen Theorien, welche die Welt erschließen, und den Ausschnitten der Welt, die wir durch Erfahrung feststellen, stellt unser Blick auf die Welt her, nicht die Welt selber. Wenn sich Menschen über Gegenstände in der Welt verständigen, läuft stets ein "Erfahrungshorizont" als selbstverständlicher Kontext mit.

In der Wechselwirkung zwischen der Welt selbst und unserer Vorstellung von der Welt zeige sich eine realistische Verbindung nicht von selbst, sondern oft nur im Scheitern. Habermas nannte als Beispiele die Erfahrung, die Loyalität eines alten Freundes zu verlieren oder eine lange für wahr gehaltenen Annahme als an der Realität gescheitert zu erkennen. Solche nur im Augenblick des Geschehens präsente Bewusstseinszustände bleiben laut Habermas ein "Stachel" in der Welt der Gegenstände.

WAZ Kultur, 19.09.2008, Werner Häußner

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