Aravind Adiga "The White Tiger"

Times Mager: Tigerglück

VON INA HARTWIG

Kaum war der Deutsche Buchpreis an Uwe Tellkamp feucht-fröhlich verkraftet, da ging es gleich weiter. Am Dienstagabend um 22 Uhr 30 konnte im Frankfurter Hof per Satellitenübertragung die Preisverkündung des Man Booker verfolgt werden: Das war praktisch, denn in dem feinen Hotel dürften sich zu diesem Zeitpunkt um die 500 Buchmessegäste zum traditionellen Empfang des Berlin Verlags gedrängelt haben.
Nun wussten alle subito: Der Glückliche ist der englischsprachige Inder Aravind Adiga, ein strahlender Mann von 33 Jahren. Sein Roman "The White Tiger" erhält also den begehrtesten Literaturpreis Großbritanniens, der gern als Vorbild für den Deutschen Buchpreis zitiert wird, jedoch bei der Preissumme weit, weit generöser verfährt: 50 000 Pfund, etwa 64 000 Euro, kann Mister Adiga mit nach Hause nehmen - während Uwe Tellkamp mal gerade 25 000 Euro bekommen hat und nun auf tüchtige Verkäufe seines Romans "Der Turm" hoffen muss und soll.
Noch etwas anderes macht den Unterschied zwischen Vorbild (Man Booker) und Nachbild (Deutscher Buchpreis) schreiend deutlich: Adiga ist bereits der vierte Inder, der - nach Salman Rushdie, Arundhati Roy und Kiran Desai - die höchste Auszeichnung des Empire für einen Roman erhält. Empire: that's it. Erst wenn vier auf Deutsch schreibende Türken den Deutschen Buchpreis bekommen haben werden, dann kann man sich gleichauf fühlen.
Aber so weit wird es vermutlich nie kommen. Denn der Commonwealth befördert eine Vermischung der Bildungssysteme - in beide Richtungen -, woran es in Bezug auf unsere größte Einwanderergruppe etwas hapert.
Liest man nur die ersten Seiten des schockierend amüsanten Romans von Aravind Adiga, ist klar: britischer Stil, britisches Tempo, britischer Humor. Kein Wunder, dass der Preisträger unter anderem in Oxford studiert hat.
Doch erzählt "Der weiße Tiger" gerade nicht aus der Perspektive des postkolonialen Weltbürgers, sondern aus dem Blickwinkel eines sich mit Scharfsinn und mörderischer Skrupellosigkeit nach oben arbeitenden indischen Jungen, der aus der Armut kommt. Der Autor selbst lebt heute wieder in Mumbai - "ohne Diener", wie der Klappentext der deutschen Übersetzung verrät.

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