Die Wiederkehr der Hexen


Der Literatur-Scharlatan Paulo Coelho bedient die Sehnsüchte seiner Leserinnen nach höherem Sein und Sinn mit einer magischen Minuten-Terrine. Und er verspricht eine Erotik, die wieder Geheimnisse birgt.
Ein Zaubertrank aus Fröschen und Spinnen könnte kaum bitterer schmecken als dieses Machwerk: Mit seinem neuen Roman entlarvt sich Paulo Coelho endgültig als Gaukler.
Die Zutaten des magischen Menüs? Die junge und natürlich rothaarige Irin Brida „möchte Magie lernen”. Von einem Zauberer, der zufällig ihr „Anderer Teil” ist, ihr vorbestimmter Seelengefährte. Dumm nur, dass auch ihr aktueller Freund auf Seelenverwandschaft pocht. Da haben wir also drei statt zwei Hälften und eine alte Geschichte: eine Frau zwischen zwei Männern, diesmal auf Esoterisch.
Bridas zweite Lehrerin ist Wicca – der Einfachheit halber hat Coelho sie gleich mal nach dem Hexenkult benannt. Sie lehrt Brida: „Wir Hexen können mit der Weltseele kommunizieren, das Leuchten über der linken Schulter unseres anderen Teils sehen und die Unendlichkeit im stillen Kerzenlicht betrachten.” Dann feiern sie einen Hexensabbat, einer der Männer sagt: „Schau mir in die Augen, Kleines”. Und geht. Ende.
Dies also ist das Skelett der Handlung, das Coelho tapeziert mit Lebensweisheiten: ein papierener Literatur-Zombie, der zielstrebig auf die ersten Plätze der Bestseller-Listen taumelt.

Wer liest denn so etwas?

Die paar echten Hexen auf der Welt dürften kaum allein verantwortlich zeichnen für Millionen Bücher, die der Brasilianer global verscherbelt. Wer also? Deuten wir doch die Zeichen im Buch so, wie Coelho „Zeichen” seines Lebens liest – der ja zum Beispiel sagt, er beginne ein neues Buch erst, wenn ihm eine weiße Feder vor die Füße schwebt. (Bei seinem Output dürfte er neben einem Hühnerhof wohnen.) Also, die Zeichen: Gezaubert wird bei Coelho mit einem Kochlöffel, dem „Symbol des Martyriums unserer Vorfahren”. In Trance fällt Brida beim Telefonieren. Sie tanzt zum „Geräusch der Welt”. Ihre Seele reinigt sie beim Aufräumen des Kleiderschranks – denn „die Kleidung verwandelt Gefühle in Materie”. Eine der ersten Übungen der kleinen Neu-Hexe besteht darin, aus der Ferne den Inhalt eines Schaufensters zu visionieren.

Die Banalität des Guten.

Hier liegt der Schlüssel zum Mysterium des Coelho: Er spiegelt die gequälte Frauenseele und zeigt ihr die spirituelle Tiefe ihres eigenen kleinen Daseins. Dabei bedient er dreierlei erhabene Sehnsüchte, aus aktuellem Mangel geboren: nach Sein, Sex und Sinn.
Das erhabene Sein. Insgeheim als Hexe hexen, das würde uns wohl wirklich zu etwas Besonderem machen. Mit seinen Tarokarten- und Zauberstab-Fantasien entführt uns Coelho in eine Parallelwelt, in der wir mehr sind als Teil einer Masse – und deutlich selbstbestimmter als im Alltag.
Der erhabene Sex. Magische Erotik verkauft uns Coelho, Erotik, die Teil des Hexenkultes ist, und wir greifen ja dankbar zu – weil wir es leid sind, dass alles Private öffentlich diskutiert wird, weil Sex endlich wieder ein Geheimnis haben soll. Und so verzeihen wir den größten Kitsch: „Sie war jetzt ganz mit der Welt verbunden, ihr Körper und der Körper von Lorens verschmolzen mit dem Meer, den Steinen, dem Leben und dem Tod.”
Der erhabene Sinn. Man muss nur das Kirchensterben betrachten und den Boom alternativer Heilsversprechen, um zu wissen, wie sehr es uns nach neuem Sinn dürstet. Paulo Coelho verdünnt den Trank dabei aufs angenehmste, nicht zu schwer ist diese Kost, leicht zu konsumieren. – Und darum gefährlich.
Dass die Fragen nach Leben und unseren Wegen und all dem, was danach kommen mag, womöglich lange bedacht werden wollen, womöglich sogar ohne hübsche kleine Antworthäppchen („Tu, was du willst”, „Liebe ist Freiheit”) – ach, das ist ja furchtbar anstrengend. Und so vergeben wir mit dieser magischen Minutenterrine wieder eine Chance: nachzudenken.

Britta Heidemann: Paulo Coelho: Brida. Diogenes. 240 S., 19,90 Euro

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