Europa stellt seinen kulturellen Reichtum ins Internet



Europas kulturelle Vergangenheit bekommt eine digitale Zukunft. Mozart und die Magna Carta, der Mauerfall, Descartes, Dante und Vermeer - das reiche Erbe der Europäer steht von diesem Donnerstag an per Mausklick zur Verfügung.
Auf dem Internetportal http://www.europeana.eu/ sind zunächst fast drei Millionen Manuskripte und Bücher, Gemälde, Filme und Fotografien kostenlos abrufbar. Bis zum Jahr 2010 soll Europas digitale Bibliothek sogar zehn Millionen historische Zeugnisse und Kunstwerke in allen EU-Sprachen präsentieren.
«Europeana bietet die Chance, die reichen Schätze des europäischen Kulturraums und seine starke Vernetzung über alle historischen und politischen Entwicklungen hinweg sichtbar zu machen», sagt Elisabeth Niggemann, die Vorsitzende der Trägerstiftung European Digital Library Foundation. Wer nach Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) sucht, findet auf dem Portal zum Beispiel Gemälde des österreichischen Komponisten und die Geburtsurkunden seiner Kinder ebenso wie mehr als hundert Tonaufnahmen oder das Drama »Mozart und Salieri« des russischen Schriftstellers Alexander Puschkin.
Mehr als 1000 Archive, Museen und Bibliotheken aus ganz Europa haben bereits digitalisiertes Material beigesteuert. Die 27 Mitgliedstaaten sind allerdings sehr unterschiedlich vertreten. Gut die Hälfte aller eingescannten Werke stammt aus Frankreich. Deutschlands Beitrag macht nach aktuellsten Angaben erst rund ein Prozent der virtuellen Kollektion aus. Länder wie Malta, Dänemark oder Bulgarien liegen deutlich darunter.
«Wir können und dürfen den Ländern nicht bei der Digitalisierung helfen, das ist ein ureigener kulturpolitischer Bereich», sagt Kommissionssprecher Martin Selmayr. Die EU will in den kommenden zwei Jahren aber weitere 119 Millionen Euro bereitstellen, um die Erforschung und Entwicklung von Technologien zur Digitalisierung voranzubringen. Die Slowakei habe mit dem Geld zum Beispiel einen früheren Militärkomplex mit drei Robotern ausgestattet, die Buchseiten automatisch einscannen.
Die digitalisierten Objekte werden von einem Team aus Archivaren, Bibliothekaren und IT-Spezialisten in der Königlichen Bibliothek in Den Haag geordnet, vernetzt und auf Europeana bereitgestellt. Was auf die Plattform gelangt, entscheiden die Museen selbst. Sie stehen auch dafür gerade, dass das Urheberrecht beachtet wird. «Wir müssen einen entscheidenden Schritt unternehmen, um ein Schwarzes Loch im 20. Jahrhundert zu vermeiden», sagt die Direktorin von Europeana, Jill Cousin. Es müssten Lösungen gefunden werden, damit etwa auch Filme aus den 30er Jahren auf Europeana abgespielt werden können.
Für den Unterhalt des Portals zahlt die Kommission pro Jahr zwei Millionen Euro, die Länder schießen insgesamt noch einmal 500 000 Euro hinzu. Bisher sind freilich nur ein Prozent aller europäischen Kulturgüter digitalisiert. Um die Zahl von zehn Millionen Werken bis 2010 zu erreichen, müssen die Staaten nach Schätzung der Kommission zusammen weitere 350 Millionen Euro in die Hand nehmen.
Dass das Internetarchiv eines Tages Europas Museen die Besucher abspenstig machen könnte, glauben die Verantwortlichen nicht. «Museumsfans können auf Europeana herausfinden, wo ihre liebsten Gemälde hängen», sagt der Sprecher des Portals, John Purday. Eine niederländische Studie habe gezeigt, dass solche Angebote das Interesse an Museen im Gegenteil eher wecken.
Auch die Vermutung, dass Europeana ein Rivale der digitalen Büchersammlung von Google werden könne, weist die Kommission weit von sich. «Europeana ist keine europäische Antwort auf ein kommerzielles Projekt», sagt Selmayr. «Genau wie ein Buchladen und eine Bibliothek nicht in Konkurrenz stehen.» Google biete eine fortgeschrittene Suchmaschine für Bücher, Europeana sei hingegen ein multimediales Museum.

WE Kultur von Heike Sonnberger

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