Noam Chomsky wird 80 Jahre alt



Es wird wohl kein Mangel an Feierstunden rund um die Welt sein, wenn Noam Chomsky an diesem Samstag 80 Jahre alt wird. Selbst unter seinen Kritikern herrscht hinsichtlich Chomskys Bedeutung als einer der wichtigsten Denker und einflussreichsten Intellektuellen der vergangenen 50 Jahre weitgehende Einigkeit. Chomsky selbst wird bei all dem Aufhebens um seine Person allerdings vermutlich nicht in Erscheinung treten. Stattdessen wird er mit seiner Familie zuhause in Lexington, einem Vorort von Boston, verbringen und sich gemeinsam mit seinen drei Kindern um seine Frau Carol kümmern. Carol Chomsky befindet sich, wie Chomskys langjährige Assistentin Bev Stohl mitteilt, in einem äußerst kritischen Zustand. Selbst seine geliebten Donnerstagsvorlesungen zur Politik am Massachusetts Institute of Technology, wo er seit 1955 unterrichtet, hat Chomsky abgesagt - ein untrügliches Zeichen.
Chomsky ist seit Jahrzehnten unermüdlich unterwegs, hält Vorlesungen rund um die Welt, tritt für politische Kampagnen ein, an so unterschiedlichen Orten wie der Türkei, der Schweiz und Indonesien, spricht ausführlich mit jedem Reporter, der bei ihm anruft und schreibt zudem ein Buch nach dem anderen. 35 Bücher in 43 Jahren. Vor vier Jahren erlitt Chomsky wegen dieser rastlosen Aktivitäten einen Nervenzusammenbruch. Carol versuchte ihn danach einzubremsen - vergeblich.
Im kommenden Jahr sind Carol und Noam Chomsky 60 Jahre lang verheiratet. Ohne sie hätte es gewiss den Wissenschaftler, der die Linguistik revolutionierte, ebenso wenig gegeben, wie den politischen Aktivisten, der seit dem Vietnam-Krieg ein beharrlicher Dorn im Fleisch der Mächtigen ist. Die Chomskys sind eine Einheit, die Krankheit seiner Frau ist für Chomsky verheerend. Das ginge nach einer solch langen Zeit gewiss jedem Ehemann so, Noam Chomsky trifft es jedoch besonders hart.
Chomsky besitzt, wie seine Frau ihm bescheinigt, eine außergewöhnliche Fähigkeit zum Mitleiden. Gegenüber der Zeitschrift New Yorker beschrieb Carol Chomsky einmal eindrücklich, wie tief Chomsky jeder einzelne sinnlose Tod auf der Welt berührt, wie er sich über jede Ungerechtigkeit, von der er in der Zeitung liest, echauffiert. "Er steigert sich jeden morgen in eine Rage", berichtete Carol Chomsky. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Unfähigkeit, das Unheil dieser Welt auszublenden, der Antrieb für Chomskys Karriere als beißender Kritiker des amerikanischen Imperialismus und Kapitalismus war und ist.
1967 schrieb Chomsky mit "American Power" sein erstes politisches Buch - ein flammender Protest gegen den Vietnam-Krieg, aber auch ein Manifest für die Pflicht des Intellektuellen, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen. Das Buch machte ihn zu einer Identifikations-Figur der amerikanischen Linken. Die Stellung als linker Vordenker hielt allerdings nicht lange an. In dem Maße wie in den USA linkes Denken aus der Mode geriet, wurde Chomsky an die Ränder des politischen Diskurses gedrängt. Immer mehr wurde Chomsky während der Reagan-Ära mit seiner anarchistischen Haltung zum Außenseiter. Nach dem 11. September 2001 ließen ihn dann sogar linke Gesinnungsgenossen wie Christopher Hitchens im Stich, weil Chomsky sich angeblich auf die Seite des "Islamo-Faschismus" geschlagen habe. Dabei tat Chomsky nichts anderes, als das, was er schon immer getan hatte - nämlich die skrupellose Interessenpolitik der USA im Nahen Osten anzuprangern. Das passte nun jedoch so gar nicht mehr in den Zeitgeist. Nicht einmal die Wahl von Barack Obama änderte etwas an Chomskys Außenseiter-Stellung. Im Gegenteil. Chomsky kann der allgemeinen Begeisterung für den neuen Präsident nicht folgen und stellt sich damit noch weiter außerhalb des politischen Mainstream, als er ohnehin schon gestanden hatte. In seiner bislang letzten Vorlesung am 24. November, denunzierte er Obamas Sieg als vorhersehbaren Triumph des Geldes und der Lobbyisten und demaskierte Obamas Slogans von Hoffnung und Wandel als Konstrukte von ausgefuchsten Marketingstrategen, die wahre Demokratie mit ihren perfiden Tricks geschickt zu verhindern wüssten. In Wirklichkeit, so Chomsky, unterscheide sich Obama nicht im Geringsten von seinem Gegner oder von irgendwem sonst im Polit-Establishment. Obamas Berater seien genauso korrupt wie die seines Vorgängers und seine außenpolitischen Positionen, etwa was Afghanistan oder Pakistan angeht, nicht weniger imperialistisch und gefährlich.
Hinter dieser Haltung steht die selbe rationalistische Disposition, die seinem Werk als Linguist zu Grunde liegt. Oft wird von zwei Noam Chomskys gesprochen - dem kühlen Wissenschaftler und dem heißblütigen, zornigen politischen Denker. Eine solche Charakterisierung verkennt jedoch, dass beiden Aspekten von Chomskys Geistesleben ein ähnlicher Denk-Habitus zugrunde. Es ist jene Mischung aus Skepsis, Idealismus und intellektueller Rigorosität, der Chomsky unter den linken jüdischen Intellektuellen im New York der 50er Jahre begegnet war: Martin Buber gehörte dazu, Hannah Arendt, Erich Fromm, eine junge Susan Sonntag. Es war ein Klima intellektueller und politischer Dringlichkeit, des Glaubens an die Macht des Geistes sowie radikaler Aufgeklärtheit.
Auch Chomskys linguistische Revolution trug deutliche Spuren dieses Temperaments. Das vorherrschende Paradigma der taxonomischen, anthropologischen Linguistik stellte Chomsky nicht zufrieden. Chomsky mochte sich nicht damit begnügen, die Dinge zu beschreiben, er mochte die Suche nach dem Universellen nicht so einfach aufgeben. Empirie, wie sie die Bloomfield-Linguisten praktizierten, war nicht nach seinem Geschmack. So verlegte er mit seiner "Generativen Transformationsgrammatik" die Wahrheit der Sprache zurück in das Innere und erklärte dieses erneut für intelligibel. Carol Chomsky fasste die Weltanschauung ihres Mannes, die ihn sowohl zu dieser epistemologischen Revolte als auch zu seiner sturen politischen Renitenz trieb, einmal so: "Noam möchte, dass die Welt, wie sie ist, verschwindet. Er möchte, dass sie perfekt ist und seiner Einmischung nicht bedarf." Dass das nicht so ist und dass sich Chomsky dazu gezwungen sieht, unermüdlich zu intervenieren, nimmt er als sein Los hin. Spaß, so Carol Chomsky, mache ihm das nicht.

Geburtstag Noam Chomsky: Jeden Morgen in Rage

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