Inger Christensen, die bedeutendste zeitgenössische Dichterin Dänemarks und wiederholt für den Nobelpreis im Gespräch war, starb am 2. Januar 2009.

Lange Zeit war die bedeutende dänische Lyrikerin Inger Christensen in Deutschland kaum bekannt. Und hätte sich ihres schmalen, konzentrierten Werks nicht der Münsteraner Kleinheinrich Verlag mit bewundernswürdigem Engagement angenommen sowie der großartige Übersetzer Hanns Grössel, dann wüssten hierzulande nach wie vor ausschließlich ein paar Skandinavisten von der Existenz dieser außergewöhnlichen Sprachkunst. So aber können auch diejenigen, die des Dänischen nicht mächtig sind, Inger Christensens Welt-erfassungspoeme "Alfabet/Alphabet" (1981; dt. 1988) und "Det/Das" (1969; dt. 2002) sowie "Lys/Licht" (1962; dt. 2008) in bibliophiler Aufmachung genießen.
Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin hat Mathematik, Chemie und Medizin studiert, und sie erfuhr dabei offenbar starken Impuls für ihre Dichtung. Es heißt, die Transformationsgrammatik Noam Chomskys habe ihre Sprachkonzeption - einer genetisch bedingten, universellen Hervorbringung - geprägt. Die Natur jedenfalls verstand sie als poetische Kraft, gleichberechtigt neben dem "Alphabet", das sie umformte und das man durchaus als Chiffre ihres Dichtens verstehen darf.
Ihr Verhältnis zur Welt ist nicht politisch "engagiert", nicht "hinweisend", sondern verträumt, rätselhaft, sphärisch - und nicht zu vergessen: witzig. Inger Christensens federleichte Kosmologie wirkt so naturwissenschaftlich wie beseelt, so fiktiv wie wirklich, so somnambul wie klar: Eine phantastische, durch enorme Musikalität auffallende Sprachbegnadung trägt dieses Werk, zu dem auch zwei Romane zählen.
Wie sehr die Autorin in ihrer Heimat verehrt wird, davon bekam eine Ahnung, wer der Verleihungszeremonie des Siegfried-Unseld-Preises an Christensen im Oktober 2006 im Frankfurter Schauspiel beiwohnte. Der Saal war gefüllt, was vielleicht auch auf den hohen Besuch zurückzuführen war: Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Benedikte zu Dänemark, eine Schwester der Königin, war eigens gekommen, um ihre Glückwünsche zu verlesen. Christensen, damals schon gebeugt, dankte mit einem formvollendeten Hofknicks; ein anrührender Augenblick. Dann las sie aus ihrem von Suhrkamp neu aufgelegten Sonettenkranz "Das Schmetterlingstal. Ein Requiem" (zuerst 1991), und man lauschte fasziniert der gutturalen, wie mit breitem Pinsel ausgemalten Sprache. Es schien, als wäre die alte Dame vollkommen eins mit der gebrechlichen Kraft ihrer Verse: "Ich spiele deshalb gerne Waldweißling/und verschmelze Wort mit Phänomen,/ich spiele Perlspanner, um die Lebensformen/der ganzen Welt in eine einzige zu bringen." In sich gekehrt, als vergäße sie ihre Zuhörer, schien sie hinter den dicken Brillengläsern von einer großen Ruhe umgeben zu sein. Doch als sie spät am Abend, fast schon in der Nacht, im Haus der Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz ihr Weinglas umklammerte, bekam die Ruhe der öffentlichen Person plötzlich eine andere Note, die der Unnahbaren, Einsamen. Sie hatte ein Geheimnis.
Der experimentellen Literatur wird Christensens Werk zugerechnet, doch ist darauf hingewiesen worden, dass sie zugleich eine "barocke" Autorin sei. Ja, hier existiert nebeneinander: die Reduktion und das Üppige, die Moderne und die Erinnerungsschichten, das Denken und die Sinnlichkeit. Zauberhafte Szenen lässt sie in ihrer Erzählung "Das gemalte Zimmer" (dt. 1989) aus einem Fresko von Andrea Mantegna im Gonzaga-Palast von Mantua aufsteigen.
In den letzten Jahren galt die 1935 im jütländischen Vejle geborene Dichterin als Dauerkandidatin für den Nobelpreis. Es ist nun zu spät. Sie wird die höchste Literaturauszeichnung nicht mehr erhalten. Am vergangenen Freitag verstarb Inger Christensen, wie gestern bekannt wurde, kurz vor ihrem 74. Geburtstag in Kopenhagen. In ihrem "gedicht vom tod" sagte sie voraus: "der körper ist ein tier/das sterben muß".

Nachruf auf Inger Christensen: Die Schmetterlingsfrau

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