Vor 200 Jahren wurde der amerikanische Gruselmeister Edgar Allan Poe geboren


Auguste Dupin, der geniale Ermittler aus Edgar Allan Poes Geschichte "Die Morde in der Rue Morgue", ist der Urvater all der vielen Detektive, die von Sherlock Holmes bis Kurt Wallander Licht ins Dunkel des Verbrechens bringen. Doch selbst Dupin war nur ein Nebenprodukt, erfunden als eine Art Trost gegen die Gräuel des grundlos Bösen, die Poe in seinen Erzählungen mit seltsamem Behagen ausmalte. Edgar Allan Poe war Extremist, schon seine Geburt ein Drama: Als er heute vor 200 Jahren im Hinterzimmer einer Künstlerpension in Boston zur Welt kam, musste seine Mutter am gleichen Abend noch auf die Bühne: Es war ein Schauerstück und die kleine Truppe konnte auf niemanden verzichten. Drei Jahre später war Elizabeth Poe von der Schwindsucht dahingerafft, wie man die Tuberkulose damals nannte - da hatte sich ihr Mann schon zu Tode gesoffen.
Aus dem heillosen Elend des Schauspielerprekariats aber geriet der dreijährige Edgar Poe in den Wohlstand eines Tabakhändlers in Virginia, dessen gutherzige Frau gern ins Theater ging und dankbar war, sich an Edgar als Samariterin bewähren zu können. Auch sie sollte er später lungenkrank dahinschwinden sehen, genau wie seine spätere Frau Virginia.
Poe bekam nie festen Grund unter den Füßen: Er durfte zwar den Namen seines Pflegevaters führen, adoptiert hat John Allan ihn jedoch nie. Vom üppigen Erbe sah Edgar keinen Penny. Sein Leben, das nur 40 Jahre dauern sollte, blieb ein Pendeln zwischen Augenblicksglück und Gosse. Auch die Voodoo- und Zombie-Geschichten, mit denen die schwarze "Mammy" seiner halbwegs heilen Südstaaten-Jugend Poe beeindruckte, standen in großem Kontrast zu der grundsoliden, klassischen Bildung, die sein Pflegevater ihm angedeihen ließ. Auf der neuen Universität von Virginia in Charlottesville verdiente sich Poe Bestnoten auch in Standesdünkel und Arroganz. Er lebte seinen Hang zum Stutzertum und Großkotz aus, Spielschulden türmten sich neben offenen Rechnungen für blaue Röcke mit Goldknöpfen und Champagner-Gelage. Bis er von John Allan aus dem Haus geworfen wurde, mit nichts als dem, was er am Leibe trug.

Poe tritt 1827 in die US-Armee ein, drei Jahre später wird er als Kadett der Akademie in West Point gefeuert, wegen Befehlsverweigerung. Poe, der zu dieser Zeit seinen ersten Gedichtband herausgebracht hat, wird Zeitschriften-Redakteur - und was für einer! Gleich drei Mal bringt er es fertig, aus unbedeutenden Provinz- und "Laffenblättchen", wie er es nannte, national renommierte Organe und publizistische Goldgruben zu machen. Mit dem untrüglichen Sinn für Qualität, der ihn in Dickens, Washington Irving und anderen Kollegen schon früh die Groß-Autoren kommender Tage erkennen ließ; und mit der geschickten Strategie, drittklassige Konkurrenten und seichte Literatur polemisch zu vernichten, ohne den Publikumsgeschmack aus den Augen zu verlieren. Aber noch jedesmal hat Poe seinen Erfolg wieder verspielt, mit einer Mischung aus Hochmut, Pech und Leichtsinn.

NRZ Kultur, 19.01.2009, Jens Dirksen

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