Zum 100. Todestag von Wilhelm Raabe am 15.11.2010 ~ Jüdischer Friedhof in Prag

Ich sah die unzähligen aneinandergeschichteten Steintafeln und die uralten Holunder,
welche ihre knorrigen Äste drumschlingen und drüberbreiten.
Ich wandelte in den engen Gängen und sah die Krüge von Levi,
die Hände Aarons und die Tauben Israels.
Zum Zeichen meiner Achtung legte ich, wie die anderen,
ein Steinchen auf das Grab des Hohen Rabbi Löw bar Bezalel.
Dann saß ich nieder auf einem schwarzen Steine aus dem vierzehntem Jahrhundert,
und der Schauer des Ortes kam in vollstem Maße über mich.
Seit tausend Jahren hatten sie hier die Toten des Volkes Gottes zusammengedrängt,
wie sie die Lebenden eingeschloßen hatten in die engen Mauern des Ghetto.
Die Sonne schien wohl, und es war Frühling,
und von Zeit zu Zeit bewegte ein frischer Windhauch die Holunderzweige und -blüten,
daß sie leise über den Gräbern rauschten und die Luft mit süßem Duft füllten;
aber das Atmen wurde mir doch immer schwerer
und sie nennen diesen Ort Beth-Chaim, das Haus des Lebens?!

aus: "Holunderblüte"

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