Der Literatur-Nobelpreis geht in diesem Jahr an den Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio


Der Literaturnobelpreis 2008 geht überraschend an den französischen Romanautor Jean-Marie Gustave Le Clézio. Die Schwedische Akademie hat damit zum ersten Mal seit 23 Jahren wieder einen in Frankreich geborenen Schriftsteller gewürdigt.

Seit 1985, als der überragende Claude Simon den Literaturnobelpreis erhielt, wurde kein französischer Schriftsteller mehr von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften gekürt. Insofern waren die Franzosen durchaus einmal wieder an der Reihe. Dennoch, die Wahl des 68-jährigen Jean-Marie Gustave Le Clézio ist eine echte Überraschung. Sein Name war nie gefallen, wenn Kandidaten genannt wurden für die mit 10 Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotierte, weltweit renommierteste literarische Auszeichnung. Weniger überrascht (und etwas erfreuter) wäre man über die Wahl Patrick Modianos gewesen, dessen Werk in den letzten Jahren in Deutschland enorm gelobt worden ist; sehr gefreut hätte man sich über die Wahl Julien Gracqs, doch war es dafür zu spät. Der Grandseigneur der Landschaftsliteratur ist Ende letzten Jahres in hohem Alter verstorben.
In Deutschland ist J.M.G. Le Clézio zwar kein Unbekannter, aber doch nie zu einem breiteren Publikum durchgedrungen. In Frankreich ist der Mann mit dem exotisch klingenden Vornamen ein Star; zumindest war er einer. Denn es könnte sein, dass seine große Zeit zwei, drei Jahrzehnte zurückliegt - was für einen Nobelpreisträger schon wieder normal wäre. Mehr als dreißig Bücher hat Le Clézio veröffentlicht, zuletzt bei Gallimard den Roman "Ritournelle de la faim" (etwa: Bänkellied des Hungers).
Mit "Le procès verbal" (dt. "Das Protokoll"), seinem ersten Roman von 1963 - der Autor war damals 23 Jahre alt und noch Student - war ihm sofort der Durchbruch gelungen. Es ist ein bizarr-realistisches Märchen über einen zurückgezogen am Meer lebenden jungen Mann, von dem es heißt: "Jede Empfindung seines gespannten Körpers, der alle Einzelheiten überhöhte, machte aus seinem Wesen einen monströsen Gegenstand, ganz Schmerz, in dem das Lebensbewusstsein nur noch nervöse Kenntnis der Materie ist…".
Der Prix Renaudot folgte auf dem Fuße; begeistert war die Kritik von seiner Sprache, die sich von den "Zwängen" der Avantgarde frei zu machen schien. Endlich werde wieder "erzählt", hieß es; des Nouveau roman waren einige offenbar bereits überdrüssig.
Le Clézio ist in der Tat ein eingängiger Autor. An einem Writer's block hat er nie gelitten; seit dem zarten Alter von sieben Jahren, gab er an, habe er die Berufung zum Schriftsteller empfunden. Wahre Adjektiv-Kaskaden gehören denn auch zu seinem stilistischen Markenzeichen, und es bedarf keiner Bosheit, um festzustellen, dass das nicht jedermanns Sache ist. Die Leser goutieren Le Clézios oft überbordende Sprache offenbar sehr, die Rezensenten nicht immer. Wichtiger, interessanter könnte ausnahmsweise einmal der thematische Schwerpunkt sein, sowie die Haltung des Erzählens: Fast alle Bücher Le Clézios sind mit der Kolonialgeschichte - nicht nur Frankreichs, auch Englands - verbunden.
Das hängt zum einen mit der Familiengeschichte zusammen, zum anderen mit Le Clézios Drang zu reisen; er lebte, forschte, schrieb und unterrichtete im Lauf seines Lebens in Nigeria (wo sein Vater arbeitete), Thailand (wo er seinen Militärdienst absolvierte - und entlassen wurde, nachdem er die dortige Kinderprostitution angeprangert hatte), in Mexiko (wohin er daraufhin versetzt wurde), in Panama (wo er vier Jahre lang das Leben der Indianer teilte) und den USA, wo er in Albuquerque, New Mexico, einen Wohnsitz hat - neben Nizza, der französischen Stadt am Mittelmeer, in die er immer wieder zurückkehrt.
In Nizza, damals "freie Zone", wurde Le Clézio 1940 geboren, weil seine französische Mutter ihre Söhne in Frankreich zur Welt bringen wollte. Der Vater, ein britischer Kolonialarzt, war in Nigeria geblieben. Der ausbrechende Krieg sollte die Familie für die entscheidenden Kindheitsjahre trennen: Seinen Vater lernte Le Clézio erst im Alter von acht Jahren kennen, 1948, als seine Mutter ihn mit nach Nigeria nahm. Über die dort verbrachte Zeit, das als sinnlich erlebte Ineinander von Mensch und Natur, sowie über die schwierige Begegnung mit dem mürrischen, desillusionierten Vater berichtet Le Clézio eindrücklich in dem Roman "Der Afrikaner", 2007 bei Hanser erschienen.
Als "Erforscher einer Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisation", würdigte ihn gestern Mittag die Nobelpreis-Akademie in Stockholm. Le Clézio, der in zweiter Ehe mit einer Marokkanerin verheiratet ist, sei ein "Kosmopolit und Nomade", gab im Interview der Ständige Sekretär der Nobelpreis-Jury Horace Engdahl zum Besten, der erst letzte Woche mit krawalligen Äußerungen über die angeblich mindere Qualität der US-amerikanischen Literatur auf sich aufmerksam gemacht hat. Die Pointe könnte sein, dass jetzt ein teilweise in den USA lebender Franzose geehrt wird.
Le Clézio sagte einmal: "Die französische Sprache ist vielleicht meine einzige wirkliche Heimat." Und: "Ich betrachte mich selber als jemanden im Exil" - ein Hinweis auf die Verbundenheit mit der mauritischen Tradition. Die bretonische Familie seiner Mutter war im 18. Jahrhundert in Folge der Revolutionswirren auf die Insel Mauritius im Indischen Ozean ausgewandert - sein Roman "Revolutionen", 2006 bei Kiepenheuer & Witsch, ist eine Wanderung durch die Generationen und dort teilweise angesiedelt. Le Clézio mag die verlorenen Paradiese seiner Kindheit im Blick haben - ein typischer Zivilisationskritiker und politischer Moralist ist er nicht. In die Geschichte, so sein Credo, könne der Mensch nicht eingreifen.
Obwohl er als öffentlichkeitsscheu gilt, hat J.M.G. Le Clézio bereits angekündigt, er werde zur feierlichen Preisverleihung am 10. Dezember nach Stockholm reisen. Das ist doch schön.

Literatur-Nobelpreisträger Le Clézio: Nomade mit Rückfahrkarte

Literaturnobelpreis: Franzose Le Clézio ausgezeichnet

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