Direkt zum Hauptbereich

Reich-Ranicki bei Gottschalk



Das Aufregendste war im Grunde das Vokabular, mit dem "heute-journal"-Moderator Claus Kleber die nachfolgende Sendung ankündigte: Von DEM "intellektuellen Weckruf der Saison" war die Rede und davon, dass die letzte reizvolle Begegnung von Geist und Unterhaltung die Hochzeit von Arthur Miller und Marilyn Monroe im Jahr 1956 gewesen sei.

Stellt sich nur die Frage, wer bei dem anschließend ausgestrahlten Gespräch zwischen Thomas Gottschalk und Marcel Reich Ranicki den Geist und wer die Unterhaltung repräsentieren sollte. Denn es ging weder geistreich noch unterhaltsam zu.

"Aus gegebenem Anlass" fand dieses Begegnung statt und so lautete auch ihr Titel. Der Anlass war der, dass der Literaturkritiker Reich-Ranicki in der vergangenen Woche für einen Eklat gesorgt hatte, als er vor laufenden Kameras den Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk ablehnte und noch dazu das Fernsehen beschimpfte.

Einfacher kann man es sich nicht machen; und das Lob folgte prompt von erwartbarer Seite. Henryk M. Broder merkte dazu an, dass er sich demnächst auch einmal im Fernsehen gewaltig daneben benehmen werde und dafür ebenfalls eine Sondersendung erwarte.

Da saßen sie sich nun also in zwei bequemen Ledersesseln im gediegenen Ambiente gegenüber. Seit dem Fernsehgala-Abend ist man per Du, und doch bemühte sich Gottschalk in geradezu auffälliger Zwanghaftigkeit um einen seriösen Gesichtsausdruck.

Das Paradoxe an dem Gespräch: Nicht der Kritiker verfiel in ein Lamento, sondern der Moderator und Unterhalter Gottschalk. Denn nachdem Reich-Ranicki kund getan hatte, wie grauenhaft Helge Schneider an jenem Abend gewesen sei, um anschließend belehrt zu werden, dass dieser doch gar nicht vor Ort gewesen sei, verfiel Gottschalk in die alt bekannte öffentlich-rechtliche Klage: Dass man ja sowohl besser könnte als auch wollte, aber nicht dürfe, weil sonst die Quoten in den Keller fielen.

Reich-Ranickis beinahe einziges und gefühlte zwanzigmal vorgebrachtes Argument: "Die im Fernsehen sollen sich mehr Mühe geben." Auch die Worte "scheußlich" oder "abscheulich" wurden reichlich bemüht.

Doch weiter Gottschalk: Da stelle er sich am Samstag Abend immer hin und gebe sich Mühe, einen Kompromiss zwischen Boulevard und Seriosität zu finden, und "am Montag kommen die Feuilletons und treten mich in die Tonne, während die Klofrau mich feiert." Da gehe man doch am liebsten aufs Klo.

Irgendwann reichte es Reich-Ranicki: "Über Deine Rolle als Moderator wollen wir hier nicht reden." Aber worüber sonst? Was soll man schon antworten auf die Frage, ob Atze Schröder nicht in 200 Jahren der neue Shakespeare sein könnte, außer schlicht und einfach: "Nein!"? Was gibt es noch zu sagen zu einer Phrase wie "Wenn Du über das Fernsehen weinst, wirst Du Dich erschießen, wenn du ins Internet gehst."? Richtig – nicht mehr viel. Außer: "Die im Fernsehen sollen sich mehr Mühe geben." So ist es.

Reich-Ranicki bei Gottschalk: Weder geistreich noch unterhaltsam

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Herbst beginnt dieses Jahr einen Tag früher

Am Montagabend kurz vor 18 Uhr beginnt der astronomische Herbst - wegen des Schaltjahres 2008 einen Tag früher als es in den Schulbüchern steht. Landläufig ist bekannt, dass der Herbst am 23. September anfängt. Um 17.44 Uhr überquert die Sonne den Himmelsäquator Richtung Süden. Zu diesem Zeitpunkt steht die Sonne also genau senkrecht über dem Äquator. Für die Astronomen beginnt dann der Herbst - einen Tag früher als gewohnt, wie SF Meteo mitteilt. Der Schalttag ist für diese Datumsverschiebung verantwortlich. Weil die Erde nicht genau 365 Tage, sondern exakt 365 Tage 5 Stunden und 49 Minuten für den jährlichen Umlauf um die Sonne braucht, beginnt der Herbst jedes Jahr knapp 6 Stunden später. Damit der Herbstanfang nicht bald im Oktober stattfindet, wird alle vier Jahre ein Schalttag eingeschoben, das letzte Mal am 29. Februar 2008. In diesem Jahr hat der Schalttag zu einer Überkorrektur geführt. Deshalb beginnen der Herbst 2008 und 2009 bereits am Abend des 22. Septembers. Die jeweili...

Das Leben Renan Demirkans - Vorstellung ihres neuen Romans am 29. September in der Stadtbibliothek

Ende September erscheint im Verlag Gustav Kiepenheuer der vierte Roman Renan Demirkans: "Septembertee oder das geliehene Leben". Die Autorin stellt ihr neues Buch druckfrisch am Montag, den 29. September, um 20.00 Uhr in der Zentralbibliothek, Düsseldorfer Straße 5-7, vor. Renan Demirkan wurde 1955 in Ankara geboren. Ihre Familie emigrierte 1962 während der türkischen Staatskrise nach Deutschland. Sie wuchs auf in Hannover und lebt seit kurzem in einer WG in der Nähe von Köln. Bekannt wurde Renan Demirkan vor allem als Schauspielerin in Rollen starker Frauen. Dafür wurde sie mit dem Grimme-Preis und dem Hessischen Filmpreis ausgezeichnet. Seit den 1990er Jahren hat Renan Demirkan aber auch Bücher geschrieben und sich politisch engagiert, wofür sie 1998 das Bundesverdienstkreuz erhielt. Ihre Autobiografie, in deren Mittelpunkt der Tod der Mutter im Jahr 2005 steht, ist eine Art vorläufige Bilanz: Sie erzählt von den zwei Leben in einer Haut, als Türkin und Deutsche, Geschichte...